Maria Montessori and her reform pedagogy

Maria Montessori and her reform pedagogy

“Hilf mir, es selbst zu tun!”, ist bestimmt das bekannteste Zitat von Maria Montessori. Wer diese Frau war, was sie bewegte, und warum ihre Ideen bis heute noch in unsere Schul- und Kitalandschaft hineinwirken, klären wir in diesem Artikel.
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“Hilf mir, es selbst zu tun!”, ist bestimmt das bekannteste Zitat von Maria Montessori. Wer diese Frau war, was sie bewegte, und warum ihre Ideen bis heute noch in unsere Schul- und Kitalandschaft hineinwirken, klären wir in diesem Artikel.

Montessori in Deutschland 

In Deutschland gibt es rund 600 Kinderkrippen und Kindergärten sowie 400 Schulen, die sich an der Pädagogik von Maria Montessori orientieren. Aber wer war diese außergewöhnliche Frau? Warum prägt sie bis heute noch unsere Kitalandschaft mit? Und was spricht eventuell gegen ihr Konzept? Wir haben die Montessori-Pädagogik für euch unter die Lupe genommen und stellen euch hier die wichtigsten Aspekte vor. 

Wer war Maria Montessori?

Maria Tecla Artemisia Montessori wirkte zum Anfang des 20. Jahrhunderts als italienische Ärztin, Reformpädagogin und Philosophin. Sie spezialisierte sich nach ihrem Naturwissenschafts- und Medizinstudium auf Kinderheilkunde und arbeitete zunächst als Assistentin in der Abteilung für Kinderpsychiatrie in der römischen Universitätskinderklinik. Schon früh verfolgte sie den für die damalige Zeit eher unüblichen Ansatz, dass gewisse psychische Auffälligkeiten von Kindern eher pädagogischer denn neurologischer Natur waren. Sie studierte ein weiteres Mal, dieses Mal Anthropologie, Psychologie und Erziehungsphilosophie, und intensivierte ihre Arbeit mit Kindern u.a. in dem Kinderhaus “Casa dei Bambini” in dem römischen Stadtteil San Lorenzo. Maria Montessori war fasziniert von der Art, wie Kinder ganz selbstversunken und hochkonzentriert mit verschiedenen Materialien arbeiteten, ohne sich dabei von äußeren Einflüssen ablenken zu lassen. Ihre Beobachtungen und Erfahrungen brachten sie zu der Entwicklung einer neuen wissenschaftlichen Pädagogik, die sie im Jahr 1909 erstmals veröffentlichte. Danach wurden ihre Methoden von immer mehr Schulen in Italien übernommen, bis ihr reformpädagogischer Ansatz letztendlich unter dem diktatorischen Mussolini-Regime in Italien verboten wurde. Zeitgleich breitete sich ihr Konzept aber in anderen Ländern auf der ganzen Welt aus, sodass ihre Pädagogik inklusive ihrer selbst erstellten Lernmaterialien bis heute ein internationales Ansehen erfahren.


Das Montessori-Konzept

Maria Montessoris Menschenbild ist durch die Reformpädagogik des frühen 20. Jahrhunderts geprägt. Ihre geistigen Wurzeln findet sie bei ihren Vorgängern aus dem 18. und 19. Jahrhundert wie bei den Medizinern Itard und Seguin, dem Philosophen Rousseau und den Pädagogen Pestalozzi und Fröbel. Trotz vieler Unterschiede eint sie die Auffassung, dass die Entwicklung und Übung der verschiedenen Sinne eine grundlegende Vorstufe für das abstrakte Lernen darstellt. Maria Montessori entwickelte diesen Gedanken weiter und sah jedes Kind mit seinen Sinnen als einzigartiges Individuum mit einer eigenen Persönlichkeit, die es in höchstem Maße zu respektieren galt. Es war ihr ein wichtiges Anliegen, Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen und ihnen Selbstvertrauen zu vermitteln. Vor diesem Hintergrund bildeten sich verschiedene Grundsätze heraus, auf denen die Pädagogik von Maria Montessori basiert. Wir stellen euch die wichtigsten vor.


Die Polarisation der Aufmerksamkeit

Unter der “Polarisation der Aufmerksamkeit” versteht Maria Montessori den Zustand einer besonderen Konzentration der Kinder, in dem sie in einem spielerischen Lernzustand sind. Sie bezeichnet diese Aufnahmebereitschaft der Kinder auch als absorbierenden Geist und beschreibt damit eine Situation, in der die Kinder so stark in dem Hier und Jetzt verankert sind, dass sie alles andere um sich herum vergessen. In dieser Phase sollten die Kinder nicht gestört werden, da sie gerade in dieser Zeit besondere Lernfortschritte machen. Ist die Phase beendet, wirken die Kinder meist entspannt und zufrieden. 

Um diese sensible Lernphase zu ermöglichen, ist die schon erwähnte vorbereitete Umgebung unabdingbar. Nur wenn die Kinder Entwicklungs- und Lernmaterialien nutzen können, die ihren innersten Bedürfnissen und Sensibilitäten entsprechen, kommt es auch zu einer gesteigerten Aufnahmebereitschaft für bestimmte Fähigkeiten und Inhalte. Die Aneignung dieser neuen Kompetenzen wird dann von Freude, Ausdauer und starker Konzentration begleitet.

Heute wissen wir aus der Lernforschung, dass der Lernerfolg jedes Einzelnen im Gehirn mit Gefühlen wie Freude und Glück gekoppelt ist. Deswegen ist selbstständiges Ausprobieren und Experimentieren nicht nur die Grundlage für neues Wissen, sondern geht auch mit der Freunde am Lernen einher.


Die Autonomie der Kinder

“Hilf mir, es selbst zu tun!”, ist wahrscheinlich der meistzitierteste Satz von Maria Montessori, der mittlerweile auch als Leitmotiv ihres gesamten Erziehungskonzepts gesehen werden kann. Kinder werden bei Montessori als selbstständige Individuen gesehen, die ErzieherInnen nehmen daneben die Rolle eines/einer Begleiters/in ein, die dem Kind mit Geduld zur Seite stehen, wenn es Fragen hat oder eine Ansprache braucht, aber keineswegs von sich aus eingreift und dem Kind die Übung zeigt. Das ist nicht immer einfach, da Kinder natürlich auch durch in einem Beziehungsgeflecht leben und lernen und man als ErzieherIn auch ein Vorbild für das Kind sein soll. Dennoch rät Montessori davon ab, eine Übung beispielsweise von sich aus vorzumachen, damit das Kind es nachmacht. Nach einer Einführung in die Grundfunktionen eines Materials soll es sich stattdessen erst einmal selbst ausprobieren, und mit seinem Können und Wissen die Aufgabe selbst so erledigen, wie es sich diese denkt. Kinder haben oft erstaunliche Lösungen für Probleme, die wir als Erwachsenen ganz anders angehen würden, auch wenn sie dafür manchmal mehr Zeit benötigen. Neben Zeit und Geduld ist es außerdem wichtig, dem Kind eine vorbereitete Umgebung zu präsentieren, die als Hilfestellungen und Rahmen für die Eigenaktivität der Kinder und ihre Selbstständigkeit eine wichtige Stütze sind.


Die vorbereitete Umgebung

Montessori war der Auffassung, dass eine geordnete Umgebung die Basis zum inneren Lernaufbau sei und dem Kind zu tiefer Konzentration verhelfe. Im Gegensatz zum überfüllten Kinderzimmern plädiert sie für wenige und dafür ausgewählte Materialien, mit denen sich die Kinder in der sogenannten Freiarbeit beschäftigen können. Montessori war überzeugt, dass Kinder nur durch die autonome Wahl von frei zur Verfügung stehenden Lernmaterialien ein echtes Interesse für den jeweiligen Lerngegenstand aufbauen können. Trotzdem soll die Umgebung vorbereitet sein, d.h. dass gewisse Materialien den Kindern frei zur Verfügung gestellt werden. Montessori hat selbst Materialien zu verschieden Lerninhalten hergestellt wie beispielsweise geometrische Formen, Farbtafeln, Buchstaben, Zahlenkarten und Bausteine. Die freie Wahl der Lerninhalte führt nicht nur dazu, dass die Kinder sich eigenständig aussuchen können, mit was sie sich beschäftigen wollen, sondern auch nach welchem individuellen Tempo, sie die Lerninhalte aufnehmen wollen. Nach Montessori ist es wichtig, dass das Material jeweils einen festen Platz hat, der gut für die Kinder zu erreichen ist. Zudem ist es wichtig, dass das Lernmaterial auch eine integrierte Fehlerkontrolle inne hat, sodass das Kind nicht darauf angewiesen ist, von außen den Impuls zu bekommen, dass es etwas besser hätte machen können. Es soll verschiedene Möglichkeiten ausprobieren können, um eventuelle Fehler selbstständig zu beheben.


Vorbild sein

In der Montessori-Pädagogik werden PädagogInnen als LernbegleiterInnen gesehen, die dem Kind als Unterstützung zur Seite stehen und es in seiner Eigenständigkeit fördern. Es ist ihre Aufgabe, ihre Schützlinge so gut zu beobachten, dass sie sensible Phasen bei den Kindern erkennen und entsprechend auf die Bedürfnisse der Kinder reagieren können. Gleichzeitig sollen sie als gute Vorbilder fungieren, sodass die Kinder sich an ihnen orientieren können und eine Zuverlässigkeit in der persönlichen Beziehung erfahren können. Montessori vergleicht die Rolle der ErzieherInnen mit dem Gerüst eines Hauses: „Wie muss das Haus sein, das wir für unsere Kinder bauen? Es muss in uns selbst sein. Unser Benehmen, unser Wissen, unser Wunsch, ihr Wachsen zu verstehen. Das Haus, in dem unsere Kinder leben und dem sie vertrauen, sind wir!“


Vor- und Nachteile der Montessori-Pädagogik

Auch wenn hierzulande rund 1000 Einrichtungen im Kindergarten- und Schulbereich nach dem Montessori-Konzept arbeiten - Tendenz steigend - , wenden Kritiker ein, dass dieses Konzept nicht für jedes Kind gleich gut geeignet ist und somit nicht als umfassendes Konzept gesehen werden kann. Während gerade die Freiarbeit eine gute Möglichkeit für sehr selbstständige Kinder bietet, sich gemäß ihrer individuellen Fähigkeiten frei entfalten zu können, könnte dies für weniger selbstständige Kinder gegebenenfalls eine Überforderung darstellen. Wie wir schon in unseren Artikeln über die Entwicklung der Graphomotorik und die Entwicklung der Mathekompetenz festgestellt haben, entwickeln sich nicht alle Kinder gleich, auch wenn sie der gleichen Altersklasse angehören. Deswegen ist auch zu erwarten, dass die Fähigkeit der Selbstmotivation nicht bei allen Kindern zur gleichen Zeit gleich stark ausgebildet ist. Die Kinder, die anfangs noch etwas mehr Hilfestellung benötigen als andere, gehen mit ihren Lernbedürfnissen in der nicht angeleiteten Freiarbeit eventuell unter. Ein weiterer Kritikpunkt besteht darin, dass die Ausbildung der Kreativität noch keine große Rolle gespielt hat als Montessori ihr Konzept entwickelt hat und dass dieses Thema deshalb generell in  Montessori-Einrichtungen zu kurz käme . Viele Kindergärten und Schulen ergänzen aber deswegen das Montessori-Konzept mit eigenen Curricula zum Thema Kreativität. Und obwohl die Montessori-Einrichtungen staatlich genehmigte Ersatzschulen sind, gibt es auch hierunter private Institutionen, bei denen die Kosten durchaus höher ausfallen als bei anderen Einrichtungen.


Montessori bei EDURINO

Trotz der Kritik stellt der Ansatz Montessoris einen großen Meilenstein der Pädagogik dar. Auch in der Gestaltung der EDURINO-Lernreisen spielt der Ansatz Montessoris eine Rolle.  Das Lernen durch verschiedene Sinneserfahrungen streben wir durch die Zusammenstellung unserer vielfältigen Minispiele an. Wir bieten den Kindern vielfältige Möglichkeiten und Lernumgebungen, in denen sie ihr Wissen trainieren können. In einigen Spielen unserer Lernreise  “Zahlen & Mengen ab 4” haben wir uns bei der Darstellung der Zahlen an den Montessori-Farben orientiert, sodass hier eine Wiedererkennung sowie ein Anknüpfen an vorhandenes Vorwissen stattfinden kann. Auch bei der Fehler-Rückmeldung haben wir uns an Montessoris Grundsatz orientiert und für fehlerhafte Lösungen ein wertfreies Geräusch integriert. Durch die Wiederholung dieses Geräusches und der positiv formulierten Aufforderung “Probier es noch einmal” erfahren die Kinder ein konstruktives Feedback, das sie dazu anregt, weiter motiviert und aus eigenem Antrieb heraus nach der richtigen Lösung zu suchen. Wenn dennoch Hilfe benötigt wird, steht den Kindern ein Hilfeknopf zur Verfügung, der individuell an den Fehler angepasste Hilfestellung leistet, ganz nach folgendem Motto von Montessori: “Hilf mir, es selbst zu tun. Zeige mir, wie es geht. Tu es nicht für mich. Ich kann und will es allein tun. Hab Geduld, meine Wege zu begreifen. Sie sind vielleicht länger, vielleicht brauche ich mehr Zeit, weil ich mehrere Versuche machen will. Mute mir Fehler und Anstrengung zu, denn daraus kann ich lernen.”

Welche Erfahrung habt ihr mit der Montessori-Pädagogik gemacht? Und habt ihr Ideen dazu, wie wir weitere Aspekte in unsere Spiele integrieren können? Schreibt es uns in die Kommentare!